Ich telefoniere im Schnitt drei Mal pro Woche mit Unternehmern zwischen 35 und 55, die mir erzählen, wie fest sie sitzen. Die Zahlen sind unterschiedlich, die Branchen sind unterschiedlich, aber der Satz ist fast immer derselbe:
Eigentlich will ich nicht mehr hier sein. Aber noch geht es nicht.
Und ich höre dann zu, weil ich das selber fünf Jahre lang gesagt habe. Ich kenne den Subtext. Er lautet nicht "es geht nicht". Er lautet: "es würde gehen, aber dann müsste ich meinem alten Leben zumuten, dass ich es verlasse."
Du bist nicht festgefahren. Du bist höflich.
Die Höflichkeit, die dich festhält
Wenn du deinem alten Leben nicht zumuten willst, dass es aufhört, musst du so tun, als sei es noch nicht soweit. Dann ist die UG noch nicht reif für den Verkauf. Dann fehlt dir noch der eine Mitarbeiter. Dann geht es erst nach der nächsten Phase. Dann sind die Kinder zu klein, dann zu groß, dann mitten in der Prüfung.
Das sind keine Ausreden im klassischen Sinn. Das sind Anstandsformeln. Du willst niemandem vor den Kopf stoßen — nicht deinen Eltern, nicht deinen Angestellten, nicht deinem Steuerberater, nicht dem Vereinsvorstand. Also bleibst du. Höflich. Verlässlich. Innerlich tot.
Was bei mir passiert ist
Ich war Geschäftsführer einer kleinen UG in Berlin. Alles lief — nicht großartig, aber genug, um den Status aufrechtzuerhalten. Ich hatte zwei Kinder, eine Frau, einen Standort, einen Steuerberater, der mich mit Namen grüßte. Ich hatte mein altes Leben zu lieb, um ihm zu sagen, dass es vorbei ist.
Die Entscheidung, rauszugehen, kam nicht aus einer Krise. Sie kam aus einem zu ruhigen Morgen. Ich saß am Küchentisch, die Kinder schliefen noch, die Frau war im Bad, draußen war Berliner Grau. Und ich dachte: Das war's? Das ist das Leben, das ich hier noch 30 Jahre lebe?
Das war der Moment. Nicht dramatischer als das. Nicht lauter.
Die Sequenz, die funktioniert
Wenn ich heute mit Leuten rede, die rausgehen wollen, empfehle ich eine Reihenfolge, gegen die sich die meisten instinktiv wehren. Weil sie umgekehrt klingt.
- Erst digitalisieren. Dann auswandern. Nicht andersrum.
- Erst das Einkommen ortsunabhängig machen. Dann den Ort wechseln.
- Erst Kunden, die auf Zoom funktionieren. Dann das Visum, dann den Umzug.
Die meisten machen es andersrum. Sie wandern aus und hoffen, dass das Business irgendwie mitkommt. Dann sitzen sie drei Monate später in Valencia, in Dubai, in Lissabon — und merken, dass ihr Business ein Standort‑Business war, nicht ein Zoom‑Business. Zurück geht nicht, vorwärts geht auch nicht.
Was "digitalisieren" wirklich heißt
Nicht Newsletter versenden. Nicht ein LinkedIn‑Profil polieren. Sondern: den Workflow so bauen, dass deine Anwesenheit nicht mehr der Bottleneck ist. Dass ein Kunde dich am Dienstag buchen kann, während du am Strand joggst. Dass der Agent die erste Antwort schreibt, und du die letzte.
Das ist 2026 das einfachste es seit 20 Jahren war. Der ganze Werkzeugkasten steht da — und jeder neue Stack halbiert den Aufwand nochmal. Wer heute noch sagt "ich kann nicht ortsunabhängig arbeiten, mein Geschäft ist zu speziell", lügt sich selber an. Er hat nur nicht nachgesehen.
Auswandern ist einfach. Bleiben ist hart.
Wie es weitergeht
Ich schreibe das nicht, um dich zu motivieren. Ich schreibe es, damit du ehrlicher wirst. Mit dir, nicht mit deinem Umfeld. Wenn du bleibst, bleib bewusst. Wenn du gehen willst, hör auf, es als "Übergangsphase" zu verkleiden.
Es gibt keine Übergangsphase. Es gibt nur die nächste Woche, in der du entweder an der Digitalisierung arbeitest — oder an der nächsten Ausrede.
Wenn du gerade in dieser Phase bist und einmal laut denken willst: ich halte montagvormittags ein paar 30‑Minuten‑Slots frei. erik@lorenscheit.com. Kein Coaching, kein Pitch — nur Gespräch.